Dienstag, 21. April 2015

Eine Gruppenreise - eine Sozialstundie und Jordanien allgemein



Am 04. April war es endlich so weit. Lange genug hatte ich meine Freunde und Kollegen genervt. Ein halbes Jahr hatte ich den Countdown bis zu meinem »Jordanien-Jerusalem-Palästina«-Abenteuer täglich herunter gezählt.
Ein Flugzeug von »Royal Jordanian« brachte mich von Frankfurt nach Amman.

Für ein erstes Abtasten hielt ich bereits am Check-In Ausschau nach meinen Mitreisenden. Einen konnte ich ausmachen - Ronny (Name geändert).
Ich weiß, man soll nicht voreingenommen sein. Aber wie er da mit einem pudding-ähnlichen Gang hin und hergeschlendert ist, den Rucksack mit dem »Djoser«-Schildchen - das Erkennungsmerkmal - über den Schultern, dachte ich mir: da ist er, der »Beadeker-Bildungsbürger-Gutmensch-im-Kolonialstil«. Während der Reise ist noch Blödheit dazu gekommen. Meine Antipathie hat sich auch auf seine Begleitung - ich hab nie herausbekommen, ob sie seine Ehefrau oder Freundin war - gelegt, die sympathisch erschien, aber leider nie allein.
Am Gate fand sich dann der große Teil der 14 Reisenden. Ich hielt mich bei diesem ersten Kennenlernen dezent zurück und beobachtete lieber die anderen Fluggäste. Besonders interessiert drei Männer, die ihre Gebetsteppiche auslegten und beteten.
Ich bezeichne mich als tolerant. Daher erschreckten mich die Gedanken, die mir bei ihrem Anblick kamen und das auch ich offenbar ein Opfer von Medien und der Meinung anderer bin. Da fliegen Menschen Flugzeuge, die in ihren Betten bleiben sollten, und ich fragte mich, ob diese Männer für den guten Ausgang eines geplanten Absturzes oder einer Entführung um Beistand baten. Und dass, obwohl sie noch nicht einmal wie der »typische« Attentäter, sondern ganz normal aussahen.

Nun kurz zu meinen Mitreisenden.
5 waren echt o.k. Mit denen konnte ich plaudern, lachen und was unternehmen. Ein guter Schnitt, denke ich. Leider hat sich einer bereits nach dem 6. Tag davon gemacht - geplant und nicht weil’s ihn genervt hat.
Neben Ronny - und auch seiner Gundula (Name ebenfalls geändert) - gab es noch vier weitere »Beadeker-Bildungsbürger-Gutmenschen-im-Kolonialstil«. Allesamt Frauen. Ich frag mich echt, wie diese - nach eigenen Aussagen - viel, oftmals weit- und alleingereisten Damen derart unbeholfen und unflexibel durch die Welt gehen können.
Und dann gab es Urschl (Name auch geändert). Urschl war anmaßend, beleidigend und einfach zum Fremdschämen. Eine Pädagogin ohne den Hauch von Empathie.
Während meiner Berichte werde ich ab und an sicher auf den einen oder die andere zu sprechen kommen.

Eine Frage, die sich mir täglich gestellt hat, war, wie Menschen, die so viel von der Welt schon gesehen haben, einen Horizont haben können, der zum Rand einer Untertasse reicht.
Krass war es, wenn sie ganz normale Menschen oder die Armut fotografierten. Es hatte etwas von Zoobesuchern. Die Leute wehrten sich nicht gegen ein Foto, aber vielen war es anzumerken, wie unwohl sie sich fühlten.
Ich habe auch Menschen fotografiert. Aber entweder aus der Ferne, durch Zufall, weil es ihr »Job« ist, sich fotografieren zu lassen, oder weil sie mich darum gebeten haben. Der Mensch ist zu achten und darf nicht zu einem Objekt degradiert werden, ganz gleich wie exotisch er wirken mag.



Meine Mitreisenden schienen auch nicht besonders über das Konzept von »Djoser« informiert gewesen zu sein. Selbst die, die schon mehrere Reisen mit diesem Unternehmen unternommen haben. - Ich werde nicht näher darauf eingehen. Wenn’s interessiert, werde ich Fragen beantworten. Nur so viel, »Djoser« unterscheidet sich in vielen Dingen von anderen Reiseunternehmen. U.a. das im Reisepreis keine Eintrittsgelder enthalten sind und das es eine sog. Trinkgeldkasse gibt. Jeder Teilnehmer zahlt einen Betrag in diese Kasse, aus denen der Reisebegleiter Fahrern, Hotelangestellten und sonstigen Trinkgeld zahlt. Sinn ist, dass nicht unverhältnismäßig hohe und ungerechte Trinkgelder von jedem Einzelnen gezahlt werden. - Es gab einige Situationen, in denen mir unser Reisebegleiter Mahmoud leidtat.
Mahmoud hat immer und überall Kräuter gesammelt und uns über sie und ihre Wirkung aufgeklärt.
Mahmoud allerdings begegnete immer lieb und mit einer stoischen Ruhe allen Unzulänglichkeiten seiner durch und durch deutschen Reisegruppe - Pünktlichkeit, Ordnung, Sauberkeit, etc.

Ich nutzte natürlich die Gelegenheit, mich mit ihm über die aktuellen Themen betreffend des Nahen Ostens zu unterhalten: Kriege und Krisen, Palästinenserfrage, Flüchtlinge usw.
In der Flüchtlingsfrage erkannte ich Parallelen zu Deutschland. »Die Syrer und Irakis klauen und betteln ... nehmen die Arbeit weg ... machen Arbeit billig - da sie unter dem normalen Lohn arbeiten - ... machen Wohnungen unbezahlbar ...«
Diese Aussagen bestätigten mir meine Meinung: Es sind in keinem Land nur Nationalisten, die gegen Asylanten und Flüchtlinge wettern. Es sind Menschen, die sich um sich und ihre Angehörigen sorgen und sich von der Politik im Stich gelassen sehen.
Die Nörgeleien, die sich in Jordanien gegen Menschen richten, die anders als in Deutschland nicht fremd sind, sondern die gleiche Sprache sprechen und der gleichen Kultur angehören, sind nachzuvollziehen, wenn folgendes betrachtet wird: Die geographischen Möglichkeiten für Ansiedlungen sind beschränkt. Über 80 % der Landfläche besteht aus Wüste und kaum zugänglichen Gelände. Jordanien gehört zu einem der wasserärmsten Länder der Erde. Das Bruttoinlandsprodukt von Jordanien umfasst ca. 33 Milliarden US-$ - das Bruttoinlandsprodukt von Deutschland 3,73 Billionen US-$.
In Deutschland sind es diffuse Ängste, die zu derartigen Äußerungen führen. In Jordanien werden sie greifbar.

Bereits mehrmals musste das Land eine Flut von Flüchtlingen bewältigen. In der Vergangenheit und Gegenwart Palästinenser, die in den Jahren 1948 und 1990 und nach israelischen Militäreinsätzen fliehen. Die Palästinenser stellen über 50 % der Bevölkerung. Man nimmt an, dass sich 1,2 Millionen syrische Flüchtlinge in Jordanien aufhalten. Die Zahl der Irakis ist meines Wissens noch nicht erfasst.

Wenn die reichen Länder Europas schon nicht die Menge an Flüchtlingen aufnehmen wollen, die sie stemmen könnten, dann haben sie meiner Meinung nach die Verpflichtung, sich aktiv an ihrer Versorgung zu beteiligen und ärmere Länder nicht alleine zu lassen.


Die orangen Zelte sind Teil eines Flüchtlingslagers bei Jerash

Jordanien ist sicher. Das merkt man spätestens dann, wenn man etwas bezahlt. Als Billig-Reise-Land kann es nicht bezeichnet werden. Und niemals hatte ich das Gefühl, über's Ohr gehauen zu werden.

Mahmoud antwortete auf meine Frage, ob es auch in Jordanien Strömungen von fanatischen Islamisten gibt, dass sie bestehen, aber ein gut funktionierenter Apparat aus Polizei, Geheimdienst und Militär diese in Schach hält. Auch hat die Bevölkerung ein wachsames Auge und meldet gewisse Untriebigkeiten. Inwieweit seine Aussage zutreffend ist, dass politische Themen bei den Freitags-Predigten angesprochen werden, kann ich mangels Sprachkenntnisse nicht bestätigen. Doch nehme ich an, dass sie der Wahrheit entspricht, da in Amman regelmäßig Demonstrationen stattfinden und nicht von Sicherheitskräften, wie in anderen arabischen Ländern unterbunden werden.
Dennoch ist die Situation der Nachbarländer spürbar.



Mir fielen die wenigen Touristen auf, obwohl das Frühjahr als die beste Reisezeit gilt. Dieses Empfinden bestätigte mir Mahmoud. In den letzten Jahren kamen immer weniger Gruppen. War er früher in der Hauptreisezeit selten zu Hause, hat er jetzt über Wochen Leerlauf. Die Deutschen stellen die stärkste Besuchergruppe. O-Ton Mahmoud: »Die sind mutig. Haben zwei Kriege überstanden.«

So, nun aber genug.
Ein Fazit von vielen dieser Reise: Ich bin für Gruppenreisen nicht gemacht.
Werde aber sicher wieder an einer teilnehmen. Gruppenreisen schulen ungemein die Fähigkeiten sich einzugliedern, zurückzunehmen und zu beherrschen. Bei aller Nervigkeit sind sie zudem geeignet, unsere Gesellschaft in Form eines Mikrokosmos kennenzulernen.

Kommentare:

  1. Liebe Julia, ich liebe Deine Reiseberichte, ja auch Deine Analysen find ich super spannend. Ich frage mich was Deine Mitreisenden so bewegt hat diese Reise zu tun. Fehlte da das Fähnchen auf dem Globus Deine Beweggründe kenne ich ja und kann sie nachvollziehen.
    Ich finds toll das du das bloggst, dann kann man es jederzeit nachlesen, Dein Reisetagebuch ;)

    Liebe Grüße und schön das Du wieder da bist, Tina

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  2. Die Frage, warum unternehmen Menschen Reisen, stellte ich ähnlich heute einer Freundin. Sie antwortete: Wahrscheinlich, dass das Land auf ihrer Charta abgehackt ist.
    Ich find diese Antwort recht gscheit.

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  3. Ich wiederhol mich... Es ist toll zu lesen und wunderschön teilzuhaben!!

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